Buch des Monats März 2016

By 8. April 2016Buch des Monats
Christian Saehrendt Gefühlige_ZEITEN

Christian Saehrendt
Gefühlige Zeiten

Man fragt sich, wie der Erfolg von Geschäften wie Abercrombie & Fitch im konservativen English-Club-Interior, den „Mutterland Delikatessen“ oder von Supermarktketten, die in modernen Filialen mit Selfcheckout, Abteilungen einrichten, die die Tante-Emma-Laden-Atmosphäre wieder aufleben lassen, zu erklären ist.

Wieso ist Retro, Shabby Chic, Vintage und Used Look so angesagt?

Die Frage könnte mit der „zwanghaften Sehnsucht nach dem Echten“, wie es der Kunsthistoriker Christian Saehrendt in seiner Gesellschaftsanalyse formuliert, beantwortet werden.

Der Autor diagnostiziert ein Unbehagen gegenüber der technokratischen und digitalisierten, also auch zwangsläufig kalten Welt. Als Bewältigung der Krise beobachtet er eine „Sehnsucht nach großen Gefühlen, nach dem echten Leben, nach weiter Welt und alter Zeit“, die sich in einer neuen Romantikwelle manifestiert. Auf unterhaltsame und freche Weise illustriert er seine These mit Symptomen aus Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft.

Das Echte wird mit dem Ursprünglichen, Unverfälschten und Handgemachtem verbunden.

Walter Benjamin sprach schon 1935 von dem Verlust der Aura als Verkümmern der Seele. Alles was, Spuren der Zeit zeigt und seien diese auch gefälscht und mit Chemie oder sonstigem simuliert, vermittelt diese Aura zumindest als vermeintlich schönen Schein. Letztlich sind dies aber nur „Surrogate für eine Geschichte, die man selbst gar nicht erlebt hat“.

Aber handelt es sich wirklich um Neoromantik? Romantik ist ja eigentlich immer. Zumindest seit der französischen Revolution. Egal, wie sie definiert wird. Aber noch nie ist sie als Sehnsucht nach dem Analogen definierbar gewesen. Die zunehmende „Reaktion auf Entkörperlichung in der digitalisierten Arbeits- und Alltagswelt“ nimmt, wie der Autor betont, „zwanghafte“ Formen an.

Die Digitalität schwappt eben wie eine Monsterwelle über uns hinweg. Manch einer flüchtet sich ins Altgemachte. Ob das hilft? Dem Buchhandel schon, denn die Sehnsucht nach dem Analogen lässt sich mit dem gedruckten Buch aufs Beste befriedigen. Gut, dass wir da dem Onlineriesen Amazon weit voraus sind, der jetzt die ersten Buchhandlungen eröffnet hat, die, schaut man genauer hin, nichts anderes bezwecken als die digitalen Geräte an den Konsumenten bringen. Also ein Fakebuchladen, der hoffentlich die Sehnsucht nach echten Buchhandlungen befeuern wird.

Christian Saehrendt
Gefühlige Zeiten

Die zwanghafte Sehnsucht nach dem Echten
Dumont Verlag, 252 Seiten
€ 19.99