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Buch des Monats März 2016

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Christian Saehrendt Gefühlige_ZEITEN

Christian Saehrendt
Gefühlige Zeiten

Man fragt sich, wie der Erfolg von Geschäften wie Abercrombie & Fitch im konservativen English-Club-Interior, den „Mutterland Delikatessen“ oder von Supermarktketten, die in modernen Filialen mit Selfcheckout, Abteilungen einrichten, die die Tante-Emma-Laden-Atmosphäre wieder aufleben lassen, zu erklären ist.

Wieso ist Retro, Shabby Chic, Vintage und Used Look so angesagt?

Die Frage könnte mit der „zwanghaften Sehnsucht nach dem Echten“, wie es der Kunsthistoriker Christian Saehrendt in seiner Gesellschaftsanalyse formuliert, beantwortet werden.

Der Autor diagnostiziert ein Unbehagen gegenüber der technokratischen und digitalisierten, also auch zwangsläufig kalten Welt. Als Bewältigung der Krise beobachtet er eine „Sehnsucht nach großen Gefühlen, nach dem echten Leben, nach weiter Welt und alter Zeit“, die sich in einer neuen Romantikwelle manifestiert. Auf unterhaltsame und freche Weise illustriert er seine These mit Symptomen aus Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft.

Das Echte wird mit dem Ursprünglichen, Unverfälschten und Handgemachtem verbunden.

Walter Benjamin sprach schon 1935 von dem Verlust der Aura als Verkümmern der Seele. Alles was, Spuren der Zeit zeigt und seien diese auch gefälscht und mit Chemie oder sonstigem simuliert, vermittelt diese Aura zumindest als vermeintlich schönen Schein. Letztlich sind dies aber nur „Surrogate für eine Geschichte, die man selbst gar nicht erlebt hat“.

Aber handelt es sich wirklich um Neoromantik? Romantik ist ja eigentlich immer. Zumindest seit der französischen Revolution. Egal, wie sie definiert wird. Aber noch nie ist sie als Sehnsucht nach dem Analogen definierbar gewesen. Die zunehmende „Reaktion auf Entkörperlichung in der digitalisierten Arbeits- und Alltagswelt“ nimmt, wie der Autor betont, „zwanghafte“ Formen an.

Die Digitalität schwappt eben wie eine Monsterwelle über uns hinweg. Manch einer flüchtet sich ins Altgemachte. Ob das hilft? Dem Buchhandel schon, denn die Sehnsucht nach dem Analogen lässt sich mit dem gedruckten Buch aufs Beste befriedigen. Gut, dass wir da dem Onlineriesen Amazon weit voraus sind, der jetzt die ersten Buchhandlungen eröffnet hat, die, schaut man genauer hin, nichts anderes bezwecken als die digitalen Geräte an den Konsumenten bringen. Also ein Fakebuchladen, der hoffentlich die Sehnsucht nach echten Buchhandlungen befeuern wird.

Christian Saehrendt
Gefühlige Zeiten

Die zwanghafte Sehnsucht nach dem Echten
Dumont Verlag, 252 Seiten
€ 19.99

Buch des Monats Februar 2016

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Buch des Monats

Panorama deutscher Geistesgeschichte.

Auf Spurensuche nach den Cassirers in Berlin, England, Schweden, den USA und Australien.

Durch die Industrie, mit Anfängen im Holzhandel sowie medizinische Forschung im Bereich der Neurologie, ist der ökonomische und gesellschaftliche Aufstieg der Cassirers rasant. Die jüdische Familie ist weit verzweigt und hat in der Malerei, Philosophie, Schauspielkunst und Literatur sowohl schöpferisch, als auch mäzenatisch Herausragendes und Erstaunliches geleistet. Viele der so verschieden talentierten Familienmitglieder sind weltberühmt geworden wie die Schriftstellerin Nadine Gordimer, verheiratet mit dem Galeristen Reinhold Cassirer. Der kreative Geist hält bis heute an.

 

Sigrid Bauschinger
Die Cassirers. Unternehmer, Kunsthändler, Philosophen.
Biographie einer Familie.
464 Seiten mit 41 Abbildungen.
C.H. Beck Verlag 2015.
€ 29.95

Buch des Monats Dezember

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Astrid Lindgren

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945.

Astrid Lindgren war den meisten bisher nur als Kinderbuchautorin bekannt. Ihre Geschichten haben schließlich dazu geführt, dass eine Generation von Ronjas, Lottas und Maditas heranwächst. Kaum bekannt war ihr Kriegstagebuch, das sie am 1. September 1939 begann und mit Kriegende abschloss. Es ist eine bemerkenswerte Kriegschronik, die Notizen zum Alltag wie Gedanken zur Politik umfassen. Herausragend ist die bibliophile Edition des Ullstein Verlages, von der Auswahl des Papieres bis hin zum sorgfältigen Faksimiledruck aller Tagebuchseiten. Wiedergegeben sind nicht nur die handschriftlichen Einträge, sondern auch die Zeitungsausschnitte, die Lindgren ihren Notaten beigefügt hat.

Eines der schönsten und ergreifendsten Bücher des Herbstes.

Astrid Lindgren
Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945.
Übersetzung: Angelika Kutsch und Gabriele Haefs. 576 Seiten.
Ullstein Verlag 2015.
€ 24.00

Astrid Lindgren
Astrid Lindgren
Astrid Lindgren
Astrid Lindgren

Buch des Monats Oktober

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Karl-Markus Gauß Der Alltag der Welt. Zwei Jahre, und viele mehr

Karl-Markus Gauß
Der Alltag der Welt. Zwei Jahre, und viele mehr

Zsolnay Verlag, 368 Seiten
Euro 22.90
A 23,60

„War ich zerstreut, werde ich über dieser Lektüre sogleich ruhig und gefasst. Wenn das keine Lektüre ist, die mir hilft, besser zu leben!“

Dies schreibt Karl-Markus Gauß 2012 über die Gedichte der polnischen Lyrikerin Wislawa Szymborska.

Über einen Zeitraum von 2 Jahren hat der Schriftsteller Karl-Markus Gauß von dem Alltag seiner Welt berichtet. Über die Reaktor Katastrophe in Fukushima, über die Hysterie, die Deutschland überfiel, als das Ehec Virus ausbrach, über den britischen Premier David Cameron ( mit dem er gelegentlich um die Häuser zieht) aber auch über das Sterben enger Freunde. Vielfältig, eigen, subjektiv sind seine Betrachtungen, eine Art persönliches Tagebuch zur Zeitgeschichte. „Das Schönste sind die gewöhnlichen Tage, nicht die sensationellen oder spektakulären, das Herrliche ist der Alltag, nicht der besondere Festtag oder das außerordentliche Ereignis im Urlaub, die vermeintlichen Erfolgserlebnisse …“ Zu den stärksten und besten Momenten des Buches zählen seine kenntnisreichen und feinsinnigen Bemerkungen zur Literatur – sei es über die Prosa von Patrick Modiano, über die Bedeutung des griechischen Dichters Kavafis, oder über den französischen Schriftsteller Paul Valéry, der 51 Jahre lang seine berühmten Cahiers mit Essays, Einfällen, Reflexionen füllte.

Karl Markus Gauß wurde 1954 in Salzburg geboren. Er ist Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Literatur und Kritik“, er schreibt regelmäßig für überregionale Zeitungen wie Die Zeit und FAZ. Sein vielfach preisgekröntes Werk zeichnet sich vor allem durch seine Essays aus. Seine Reisen führen ihn oft nach Osteuropa. Die daraus entstehenden Reportagen und Reiseberichte sind Beobachtungen der Alltagswelten fremder Kulturen, die in ihrer Genauigkeit und Detailfülle Kulturaustausch im besten Sinne sind.

Buch des Monats August – Guy de Maupassant – Ein Leben

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maupassantGuy de Maupassant
Ein Leben

Mare Verlag,
im Schuber mit Titelvignette.
384 Seiten.
28 Euro

Guy de Maupassants erster Roman erschien 1883 zunächst als Fortsetzungsroman für die Zeitschrift „Gil Blas“. Im selben Jahr dann als Buch unter dem Titel „L´Humble Vérité“ („Die schlichte Wahrheit“). Im Hamburger Mare Verlag ist jetzt die deutsche Neuübersetzung unter dem Titel „Ein Leben“ erschienen.

Die 17-jährige Adlige Jeanne verlässt das Kloster um einen Mann zu heiraten, den sie kaum kennt – sie erhofft sich nun endlich „das richtige Leben“ kennenzulernen. Schon bald allerdings entwickelt sich dieses neue Dasein durch die Rücksichtslosigkeit des Ehemannes zum Alptraum

Ein spannendes Frauenporträt im 19. Jahrhundert, das die eheliche Situation verheirateter Frauen genauso brillant schildert wie den Adel dieser Zeit.

Buch des Monats Juli – Rainer Maria Rilke – Im ersten Augenblick. Bildbetrachtungen.

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RilkeRainer Maria Rilke
Im ersten Augenblick. Bildbetrachtungen.

Seine ersten Schriftstellerhonorare erhielt Rilke für Kunstkritiken, die er für verschiedene Zeitungen schrieb. Es waren zunächst eher nüchterne kunstgeschichtliche Betrachtungen, die er nach und nach zu einer völlig neuen Form der Bildbeschreibung entwickelte. An ihnen schulte er einen Stil, der entscheidend für seine Lyrik wurde.

Einige der schönsten Beschreibungen finden sich in seinen Briefen und Tagebüchern, die hier in einer kleinen Auswahl vorliegen.

Über Cezannes Stillleben mit Äpfel schrieb Rilke in einem Brief an seine Frau Clara:
„Auf der anderen Seite in der blauen Decke, aus einer von Blau bestimmten Porzellanschale teilweise herausgerollte Äpfel. Daß ihr Rot in das Blau hineinrollt, erscheint als eine Aktion, die so sehr aus den farbigen Vorgängen des Bildes zu stammen scheint, wie die Verbindung zweier Rodinscher Akte aus ihrer plastischen Affinität.“

Rainer Maria Rilke
Im ersten Augenblick. Bildbetrachtungen.
Herausgegeben von Rainer Stamm
95 Seiten. Insel Verlag 2015
13.95 EUR

Buch des Monats Juni – Maylis de Kerangal – Die Lebenden reparieren.

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Maylis de Kerangal
Die Lebenden reparieren.

Maylis de Kerangal

Am Anfang des Buches steht ein tödlicher Autounfall. Der 19- jährige Simon erleidet dabei einen irreparablen Hirnschaden und die Ärzte stellen fest, dass er sich als Organspender eignet. Über einem Zeitraum von 24 Stunden erfährt der Leser was nun passiert. Wie verhalten sich Ärzte, Pflegepersonal, Familie und auch der neue Spender in solch einer Situation? Die Autorin erzählt diese dramatische Geschichte in einem hochliterarischen und rasanten Reportagestil und erzwingt geradezu einen neuen Blick auf das Thema Organspende. Am Ende des Buches geht ein Leben zu Ende – und ein neues beginnt.

Maylis de Kerangal
Die Lebenden reparieren.
Suhrkamp Verlag, 255 Seiten
19,95 Euro

Buch des Monats April 2014 – Camilla Macpherson „Bilder einer Ausstellung“

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Camilla Macpherson
Bilder einer Ausstellung

Camilla Macpherson   Bilder einer AusstellungDie junge Claire befindet sich in einer Lebenskrise. Durch die Betrachtung von Gemälden in der Londoner Nationalgalerie findet sie einen Weg, ihre Seelenqualen zu lindern.
Eine trostspendende Erfahrung, die sich im Grunde jedem erschließt.
Gelungene Kombination aus Kunstliteratur, Briefroman und Liebesgeschichte. Bildend – bewegend – berührend.

Camilla Macpherson  
Bilder einer Ausstellung.
Roman
Verlag Ullstein Taschenbuch 2015.
€  9,99

Buch des Monats März – Leif Randt „Planet Magnon“

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Leif Randt
Planet Magnon

Leif RandtAls 2011 sein Buch „Schimmernder Dunst über Coby County“ erschien war die Begeisterung im deutschen Feuilleton groß – er wurde als stilbildender Autor gefeiert und die Journalistin Jana Hensel sah diesen Roman als Beginn einer neuen Ära in der deutschen Literatur. Auch schon vor diesem Durchbruch wurden die Texte von Leif Randt, 1983 in Frankfurt geboren, gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet, darunter 2010 den Nicolaus Born Debüt Preis für seinen Roman „Leuchtspielhaus“. Mit dem Erscheinen seines neuen Buches wird dieser junge Autor weiter an Aufmerksamkeit gewinnen. „Planet Magnon“ spielt ausserhalb unseres Sonnensystems. Sechs Planeten sind Schauplatz der Handlung. Sie sind bevölkert von Menschenkollektiven, die einer neuen Zeitrechnung unterliegen. Wir befinden uns im Jahr 48 nach Actual Sanity, kurz AS genannt. Es ist die Bezeichnung für ein intelligentes Computersystem, welches das Leben auf den Planeten überwacht und reguliert. Ziel ist eine totale Beherrschung der Emotionen. Sex ist erlaubt – Liebe verboten. Liebe bedeutet Trennungsgefahr, also Unglück. Aber es regt sich Widerstand – eine kleine Gruppe von Rebellen gründet das Kollektiv der gebrochenen Herzen. Unser Held Marten Elliot, der dem führenden Kollektiv Dolphin angehört, wird ausgesandt, um die Widerständler zu bekehren, dabei lernt er die Anführerin kennen. Und scheint ihrem Charisma zu erliegen. Leif Randt hat sich mutig an ein anspruchsvolles Genre gewagt und einen spannenden Science Fiction Roman geschrieben, der ein treffenderes Bild unserer heutigen Gesellschaft widerspiegelt als so manche Beziehungs-und Befindlichkeitsgeschichten anderer Gegenwartsautoren.

Leif Randt stellt seinen Roman „Planet Magnon“ am 23. April 2015 im Gespräch mit Ulrich Greiner bei uns in der Buchhandlung vor. Dieser Abend bildet den Auftakt zu einer neuen Veranstaltungsreihe „Junge Literatur bei Felix Jud“.

Von Annegret Schult

Leif Randt
Planet Magnon
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten
19,99 Euro